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Die Systemstrategie für den Schaltschrank

Bild 1. ,Rittal – Das System’: Aufeinander abgestimmte Lösungen für die gesamte Prozesskette industrieller Anwender

Bild 2. Dr. Thomas Steffen ist Geschäftsführer der Rittal GmbH & Co. KG in Herborn

Bild 3. Toptherm Chiller von Rittal: Energieeffiziente Rückkühler für Werkzeugmaschinen

Bild 4. Serienreif: Brennstoffzellensystem Ricell Flex

Als Lieferant für Schaltschränke in Standardgrößen hat sich die Rittal GmbH & Co. KG zum Weltmarktführer entwickelt. Inzwischen bietet das Unternehmen ein komplettes Systemkonzept, welches neben dem Schaltschrank die System-Klimatisierung, die Stromverteilung, Mensch-Maschine-Schnittstellen, Electronic Packaging auch die IT-Infrastruktur einschließt. Die etz-Redaktion sprach mit dem Geschäftsführer Dr. Thomas Steffen über aktuelle Innovationen und zukünftige Entwicklungen.

Mit dem Programm ‚Rittal – Das System’ stehen aufeinander abgestimmte Lösungen für die gesamte Prozesskette industrieller Anwender zur Verfügung: für die Produktionssteuerung, die Niederspannungsverteilung sowie für industriegerechte IT-Netzwerke (Bild 1). „Auf der SPS/IPC/Drives 2010 stellen wir unsere Strategie ‚Rittal -Das System‘ in den Mittelpunkt unserer Präsentation“, so Dr. Thomas Steffen (Bild 2). In dieser Strategie wurde die gesamte Marktleistung zusammengefasst – eine Kombination von Standardprodukten, Engineering-Tools und Services. „Wir verpacken die Technologie unserer Kunden“, stellt er heraus und ergänzt: „Zudem sorgen wir dafür, dass diese mit Strom versorgt wird und gut klimatisiert ist.“
Die kontinuierliche Verbesserung des Systems gehört zu den wichtigen Zielen für die nächste Zeit. Auf dem Weg zum Weltmarktführer hat Rittal das Produktportfolio Schritt für Schritt erweitert. So war es nur konsequent, diesen Baukasten Ende 2009 zum „System“ zu bündeln. Damit verbunden war eine Umstrukturierung, die bereits vor der Krise beschlossene Sache war. „Dabei haben wir uns auf unsere Kernkompetenzen konzentriert.“

Die sechs strategischen Geschäftseinheiten Schaltschrank-Systeme, Electronic Packaging, Systemklimatisierung, Stromverteilung, Communication Systems und IT-Systeme sind zu fünf Kernthemen zusammengefasst worden. Dazu hat das Unternehmen die Themen Outdoor-Gehäuse und Elektronik-Aufbausysteme zusammen mit den Schaltschrank-Systemen in die Elektromechanik konzentriert.
Ein wichtiger Schritt in diese Richtung: Seit 2010 lagert Rittal europaweit das Projektgeschäft für kundenspezifische Elektronikaufbausysteme und Mikrocomputer-Packaging-Gehäuse auf Basis des Systembaukastens aus. Das Unternehmen konzentriert sich in Zukunft auf die Entwicklung und den Vertrieb von Standardprodukte und -komponenten, wie Baugruppenträger.

„Die Wirtschaftskrise ist überstanden“, betont Dr. T. Steffen. „Allerdings müssen wir nun auch lernen, mit Krisen anders umzugehen. Denn die letzte hat sich viel dynamischer entfaltet, als es bisher von Krisen bekannt war.“ Rittal hat sich nach der Krise überaus positiv entwickelt. „Die Erholung verläuft überraschend positiv und besser als geplant“, so der Geschäftsführer. „Wir haben in einigen Bereichen sogar bereits Luxusprobleme: Die Auftragslage ist so gut, dass wir bereits wieder schnellst möglich Personal einstellen müssen.“ Die Kühlgeräte-Produktion ist bereits wieder auf dem Stand des Jahres 2008. „In allen Bereichen können wir eine Steigerung der Performance verzeichnen“, so Dr. T. Steffen, der 2001 zu Rittal wechselte. Für das nächste Jahr erwartet der Geschäftsführer, dass sich die Erholung fortsetzt, allerdings moderater als in diesem Jahr.

Zukunftspotenzial in der Schranktechnik
Mit Standard-Schaltschränken erzielte das Unternehmen in den letzten knapp 50 Jahren gewaltige Markterfolge. Trotzdem gibt es auch für den Weltmarktführer noch viel Potenzial für weiteres Wachstum, nicht nur in Deutschland, sondern insbesondere auch in Übersee. „In der Schaltschranktechnik geht es heute vor allem darum, die Funktionen zu verbessern und damit mehr Kundennutzen zu generieren“, schließt der Geschäftsführer an. Er sieht dafür zwei Wege: Zum einen soll der Aufwand des Kunden für die Bestückung des Schaltschranks reduziert werden; zum anderen will man Funktionen wie die Klimatechnik vermehrt in den Schrank integrieren. Dies erleichtert die Montage und erhöht die Energieeffizienz.

Intensiv wird auch an Werkstoffen für Schaltschränke geforscht. „Mit Kunststoff als Substitution für Metall können wir derzeit auf erfolgsversprechende Ansätze verweisen“, so Dr. T. Steffen. Neben der einfacheren Realisierung von Funktionen mit Kunststoff sowie leichteren Verarbeitungsmöglichkeiten spricht auch das Gewicht für Kunststoff. Rittal kann auf das Know-how von LKH, einem Unternehmen der Friedhelm Loh Group, zurückgreifen. Trotzdem sieht Dr. T. Steffen die Metallsubstitution durch Kunststoff als mittelfristigen Weg, der Schritt für Schritt gegangen werden kann.
Genutzt wird Kunststoff bereits für Teilbereiche, zum Beispiel für Beschlagteile. Sogar mit Bio-Werkstoffen hat sich das Unternehmen beschäftigt. Leider ist der Einsatz solcher Werkstoffe aufgrund teilweise strenger Zulassungsanforderungen momentan noch nicht im großen Maßstab praktizierbar. Hingegen bietet Rittal bereits Schaltschränke aus Aluminium an, vor allem für Outdoor-Anwendungen, bei denen es auf das Gewicht ankommt, zum Beispiel im Tunnel- und im Bergbau.

Bild 5. Brennstoffzellensysteme mit wachsender Bedeutung für die Entwicklung von Smart Grids und auch im Kontext mit der E-Mobility

Innovationen für die System-Klimatisierung
Auf der Messe AMB präsentierte das Themencluster Energieeffizienz Ansätze zur Reduzierung des Energieverbrauchs bei Werkzeugmaschinen. Das Thema Energieeffizienz steht derzeit bei Herstellern und Anwendern von spanenden Werkzeugmaschinen oben auf der Agenda. Daher startete das Institut für Produktionsmanagement, Technologie und Werkzeugmaschinen der TU Darmstadt bereits 2008 das vom BMWi (Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie) geförderte Projekt „Maxiem – Maximierung der Energieeffizienz von Werkzeugmaschinen“. Rittal ist hier ein Projektpartner und stellte auf dem Gemeinschaftsstand der PTW mit dem TopTherm Chiller ein Muster seiner neuen Baureihe besonders energieeffizienter Rückkühler vor (Bild 3).

Seit Anfang 2010 geht Rittal das Thema Rückkühler strukturiert an. Zur Hannover Messe wurde mit Toptherm-Chiller, eine neue Baureihe für Rückkühlanlagen, die komplett modular aufgebaut ist, auf den Markt gebracht. „Bisher wurden Rückkühler-Konzepte überwiegend individuell für jeden Kunden, vielfach Werkzeugmaschinenbauer, entworfen“, erläutert Dr. T. Steffen. Dies brachte Nachteile bei der Entwicklung und beim Service für die Maschinenbauer mit sich. Neue Konzepte, wie Toptherm Chiller, setzen sich hier schrittweise durch. Werkzeugmaschinenkonstrukteure befassen sich mit neuen Themen verstärkt dann, wenn sie neue Maschinen entwickeln. Diese bleiben dann eine zeitlang im Markt. „Unsere Stärke ist der Standard“, setzt er fort. Das Unternehmen integriert daher Module, zum Beispiel für Hydraulik oder Elektronik, in den Schaltschrank, die man so koppeln kann, dass sich ein Großteil der Marktanforderungen abdecken lässt. „Die Resonanz auf unsere neue Rückkühler-Reihe ist überaus positiv“, schließt der Geschäftsführer an.

Zu einem Markterfolg hat sich die Rittal-Nanotechnologie als innovative Schutzbeschichtung für die Toptherm-Plus-Kühlgeräte entwickelt. Dabei hat Schmutz keine Chance mehr, weil die Kühloberflächen mit der Nanobeschichtung „spiegelglatt“ bleiben. „‘RiNano‘ ist ein durchgreifender Markterfolg“, bestätigt der Manager. „Die Kühlgeräte lassen sich so nahezu wartungsfrei betreiben.“
Als Antwort auf das positive Echo der Automobilindustrie kommen die Cool-Efficiency-Kühlgeräte als Großserie auf den Markt. Zur SPS/IPC/Drives 2010 werden bereits die gängigen Gerätetypen der Premiumline in den Leistungsklassen von 1 000 W bis 2 000 W vorgestellt. Später wird das Programm im Kühlleistungsbereich bis 4 000 W komplettiert. Die Kühlgeräte, die als Wand- und Dachaufbaugeräte lieferbar sind, gehen effektiv mit elektrischer Primärenergie um. Sie kommen bereits heute im Austausch gegen alte Kühlgeräte in der Automobilindustrie zum Einsatz.

Brennstoffzellentechnik ist serienreif
Das Brennstoffzellensystem Ricell Flex wurde für den Hermes Award 2010 nominiert (Bild 4). „Diese Nominierung hat viel für die Öffentlichkeitswirksamkeit dieser innovativen Technologie erreicht“, meint Dr. T. Steffen. „Inzwischen halten wir das dahinter stehende System für serienreif.“ Aufgabe dieser Systeme ist es zum einen, kritische Infrastrukturen sicher, umweltfreundlich und effizient mit Notstrom zu versorgen. Als Beispiele für solche Infrastrukturen nennt er die Telekommunikation, den digitalen Polizeifunk sowie den Industriebereich, nicht zuletzt in Ländern mit weniger stabiler Stromversorgung. Zum anderen lassen sich damit teure Lastspitzen abdecken.

Rittal stellt interessierten Kunden Testsysteme für die Evaluierung zur Verfügung. Erste Referenzanwendungen gibt es bereits, unter anderem bei der Deutschen Bahn. Die modulare skalierbare Lösung garantiert ein hohes Maß an Flexibilität hinsichtlich Leistung sowie Überbrückungszeitraum und wird unterschiedlichen Umgebungsbedingungen gerecht. Seine Stärken spielt das System durch die umweltfreundliche Technologie sowie die wirtschaftliche Gesamtbetrachtung aus.
Dr. T. Steffen erwartet für die Brennstoffzellensysteme eine wachsende Bedeutung im Zuge der Entwicklung von Smart Grids und auch im Kontext mit der E-Mobility (Bild 5). „Eine Herausforderung ist die Versorgung mit Wasserstoff. Wenn sich Elektroautos auf Basis von Brennstoffzellen durchsetzen würden, müsste die Infrastruktur zur Versorgung mit Wasserstoff stark ausgebaut werden, wovon wiederum die Brennstoffzelle als solche sehr profitieren würde.“ E-Mobility ist für Rittal auch aus einem anderen Grund ein wichtiges Thema: So zeigte das Unternehmen bereits 2009 auf der Hannover Messe eine Stromtankstelle.

Engineering-Prozesse verbessern
„Wer bei Kunden im Maschinen- und Anlagenbau Erfolg haben will, muss deren Engineering-Prozesse verstehen und verbessern“, fährt Dr. T. Steffen fort. Gemeinsam mit dem Tochterunternehmen Eplan ist Rittal hier bereits gut unterwegs. Als Beispiel führt er Eplan Cabinet an, welches einen komfortablen Schaltschrankbau ermöglicht.
Der Geschäftsführer ist überzeugt, dass in der Verbesserung der Engineering-Prozesse noch viel weiteres Potenzial steckt. Eine wesentliche Grundlage dafür bleibt aber laut Dr. T. Steffen die weltweite Verfügbarkeit von Schaltschränken ab Lager. Das Spannungsfeld zwischen Standardprodukten ab Lager und der zunehmenden Erfüllung kundenspezifischer Anforderungen sieht er als Erfolgskonzept für das Unternehmen und nennt als Vorbild das Variantenmanagement der deutschen Automobilbauer.

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Autor: Ronald Heinze