04.07.2011
Rückblick: ZVEI-Jahreskongress 2011
Aus dem Stand hat der ZVEI (www.zvei.org) am 8. und 9. Juni in Berlin seinen ersten großen Jahreskongress abgehalten, den 800 Verbandsmitglieder und Gäste aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Presse als veritablen Erfolg erlebten. Die Reden waren exzellent, häufig sehr unterhaltend. Von diesem Kongress unter der Moderation von Ranga Yogeshwar gehen neue, kraftvolle Impulse aus und der starke Wille zu der Vorreiterrolle, die der deutschen Elektroindustrie aufgrund ihrer Hightech-Produkte zugeschrieben wird.
ZVEI-Präsident Friedhelm Loh sagte in seiner Rede, der Kongress zeige, dass der Verband mit ihm die richtigen Fragen aufgeworfen habe: Leben in der vernetzten Welt, Einfluss der neuen Medien, Mobilitätskonzept der Zukunft, Sicherung der Wertschöpfung in Deutschland, Umweltschutz und Verwirklichung des neuen Energiekonzepts. Auf allen diesen Feldern trage die deutsche Elektrotechnik- und Elektronikindustrie Entscheidendes bei. Ohne sie sei modernes Leben nicht mehr denkbar, sie sei der Taktgeber.
Um welche Dynamik es bei allen diesen Veränderungen geht, machte Prof. Dr. Gunter Dueck, Cheftechnologe bei IBM Deutschland, gerade auch mit der Art seines lockeren Vortrags klar: Selbst hochqualifizierte Berufe werden in der bekannten Form verschwinden, wenn sie im Zeitalter der globalen Vernetzung des Wissens keine besondere Dienstleistung anbieten können: „Der Computer kann schon alles bis Note 3.“ Die Zukunft fordere deshalb von allen sehr viel mehr Kreativität, Wille, Mut und spielerische Veränderungsbereitschaft: „Das Internet wird zum gesellschaftlichen Betriebssystem.“ Bei Elektromobilität sei Deutschland gegenüber China deshalb im Nachteil, „weil wir keine Lust dazu haben“. Denn der Elektromotor gefährde massenhaft Expertise in den Autofabriken, nämlich beim Verbrennungsmotor. Der Internetexperte Ossi Urchs mahnte, die Kommunikation im Internet müsse sich einer menschlichen Sprache bedienen: „Vergessen Sie Marketing“.
Die mit der Vernetzung der Welt und der sich beschleunigenden Globalisierung einhergehenden Veränderungen wurden von Prof. Dr. Claudia Eckert (Fraunhofer Institut), Dr. Siegfried Dais (Bosch) und Jochen Franke (Philips) bekräftigt. Dr. Dais unterschied zwischen spontanen Entscheidungen in Unternehmen und solchen, die nun einmal einer längeren Vorbereitung bedürfen. Franke verwies darauf, dass das Zeitalter des Internets auch in der Medizin begonnen habe, es aber noch viele Fragen gebe, zum Beispiel wie das bezahlt werde.
Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Dr. Frank-Walter Steinmeier, mahnte in seinem Grußwort, die Energiewende dürfe nicht dazu führen, dass die Stromrechnung für Industrie und Verbraucher übermäßig steigt. Die Elektroindustrie habe dabei mit ihren Hightech-Produkten eine zentrale Rolle: „Sie sind nicht irgendeine Branche!“ Am Tag darauf erwähnte er den ZVEI im Bundestag in seiner Entgegnung auf die Regierungserklärung der Bundeskanzlerin als Garant dafür, dass die Energiewende gelingen könne. Als Vertreter von Bundeswirtschaftsminister Dr. Philipp Rösler, der kurzfristig absagen musste, sprach sein Parlamentarischer Staatssekretär Hans-Joachim Otto. Er würdigte ebenfalls die zentrale Rolle der Elektroindustrie und versprach Unterstützung dabei, junge Menschen mehr für Technik zu begeistern.
Karl Friedrich Falkenberg (Generaldirektor EU-Kommission), Albert Filbert (HEAG), Prof. Dr. Uwe Schneidewind (Wuppertal Institut) und Frank Stürenberg (Phoenix Contact) waren optimistisch, dass die Energiewende funktioniert und die Strompreise nicht nach oben treibt. Etwas mehr Sorgen machte sich BDI-Präsident Prof. Dr. Hans-Peter Keitel. Es sei kontinuierlich zu überprüfen, wie sich der Umstieg auf Erneuerbare Energien auf die Industrie auswirke: „Wir müssen das vernünftig steuern.“
In der Diskussionsrunde zur Elektromobilität sagte Prof. Dr. Reinhold Achatz (Siemens), es brauche für einen breiten Einstieg in Elektromobilität noch Verhaltensänderungen bei den Kunden, zum Beispiel für mehr Car-Sharing. Dr. Roman Dudenhausen (Con I energy) hielt dem entgegen, dass die Jugend schon weiter sei in ihrem Verständnis von Mobilität, denn ein Viertel mache erst einmal keinen Führerschein mehr. Dr. Martin Schumacher (ABB) riet dazu, mehr über die für die Elektromobilität nötig Infrastruktur zu reden und über neue Formen von Mobilität, und nicht nur über das Elektrofahrzeug an sich. Amit Yudan, Europa-Vertreter von Better Place, berichtete, sein Unternehmen biete bereits in Dänemark und Israel komplette Elektromobilität an, nur das Auto – ohne Batterie – sei selber zu kaufen.
In der Runde, die sich mit der Konkurrenz aus China beschäftigte, bestätigten Dr. Roland Busch (Siemens) und Prof. Dr. Xuewu Gu (Uni Bonn), dass das Zeitalter der westlichen Dominanz zu Ende gehe. Europa müsse sich anstrengen, immer etwas besser zu sein, um seinen Wohlstand halten zu können.
ZVEI-Präsident Friedhelm Loh beschloss den „begeisternden Kongress“ mit den Worten, die Elektroindustrie sei aufgerufen, „die Schöpfung zu prägen und zu gestalten“. Ihre Verantwortung steige, und er versicherte: „Wir wollen zu den Mutbürgern gehören.“










