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„Industrie 4.0 kann man nicht kaufen“

Michael Kuhnert (links), Director Sales & Marketing Industrie, und Jürgen Siefert, Vice President Maschinenhersteller, von Schneider Electric in Ratingen

Michael Kuhnert (links), Director Sales & Marketing Industrie, und Jürgen Siefert, Vice President Maschinenhersteller, von Schneider Electric in Ratingen

Dank seiner integrierten digitalen Dienste bietet Altivar Prozess einzigartige, technisch ausgereifte Frequenzumrichterlösungen

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Unabhängig davon, ob es sich bei Industrie 4.0 um eine Revolution oder eine Evolution handelt – Kernpunkt ist das Bereitstellen, Sammeln, Analysieren und Auswerten von Daten. Bei der Varianz ist es nicht verwunderlich, dass Jürgen ­Siefert, Vice President Maschinenhersteller von Schneider Electric, sagt, dass man die Industrie-4.0-Lösung nicht kaufen kann. Wie das Unternehmen das Thema angeht, erläuterte er der etz-Redaktion zusammen mit Michael Kuhnert, Director Sales & Marketing Industrie bei Schneider Electric.

Was meinen Sie damit, dass man Industrie 4.0 nicht kaufen kann?
J. Siefert: Die Anforderungen und Gegebenheiten sind so unterschiedlich, dass es die eine Industrie-4.0-Standardlösung gar nicht gibt. Jede Einzelne muss individuell, in enger Absprache mit dem Kunden entwickelt werden. Damit wir dies können, hat es auch bei Schneider Electric eine signifikante Veränderung gegeben: Früher kam ein Techniker auf fünf Vertriebsmitarbeiter, heute hat sich dieses Verhältnis umgekehrt. Neben marktgerechten Produkten und Softwaretools ist die Bereitstellung von Kompetenz in der Beratung ein wichtiger Marketingbaustein geworden. Ohne Kompetenz kann kein Mehrwert generiert werden.

Lassen sich denn durch Industrie 4.0 auch neue Geschäftsmodelle generieren?
M. Kuhnert: Aber natürlich! Und das gilt sowohl für uns als auch für unsere Kunden – gerade im Bereich Services. So kann ein Maschinenbauer nicht nur Anlagen verkaufen, sondern zum Beispiel auch das dazugehörige Energiemanagement. Wir sehen hier Geschäftsmodelle für Energieversorger, die Industrie sowie Investoren. So unterstützen wir Energieversorger, die den bi-direktionalen Lastfluss beherrschen müssen, bei der Integration der volatilen Erzeugung und flexiblen Microgrids. Ein Geschäftsmodell wäre die Bereitstellung von Regelenergie durch Energiespeicher zur Netzstabilisierung. Die Industrie kann ihren Return of invest durch den Mehrfachnutzen von Energiespeichern optimieren – als Beispiel seien hier nur Peak-shaving und -shifting oder Notstromversorgung genannt.
J. Siefert: Selbst im Maschinenbau entstehen ähnliche Konzepte. Einer unserer Kunden hat seine Verpackungsmaschine nicht mehr an den Endkunden verkauft, sondern produziert in seinem Auftrag. Seine Bezahlung erfolgt pro Verpackung. Er verdient nicht an der Maschine, sondern daran, dass sie sicher läuft.

Alle Konzepte rund um Industrie 4.0 stehen und fallen mit der Sammlung und Analyse von Daten. Besteht nicht auch die Gefahr, dass zu viele Daten gesammelt werden?
J. Siefert: Absolut! Nicht umsonst haben wir uns das Ziel gesetzt aus „Big Data“ „Smart Data“ zu machen. Man hat erkannt, dass die enorm großen Datenmengen selektiert werden müssen, um die wesentlichen Informationen herauszufiltern. Schließlich benötigt ein Instandhalter an einer Anlage andere Informationen als ein Werksleiter. Die Daten müssen also zielgruppenspezifisch selektiert werden. Eine wesentliche Anforderung ist daher die anwender- und zielgruppenorientierte Selektion und Aufbereitung. Hierzu bieten wir mit Ecostruxure die entsprechenden Software-Tools.

Kann es somit auch sein, dass Geräte zu kommunikativ sind?
J. Siefert: Das lässt sich so pauschal nicht sagen und hängt in erster Linie von der Anwendung ab. So kann es sein, dass bei kleinen Antrieben die Webserver-Funktionalität von unseren Altivar-Process-Umrichtern nicht benötigt wird. Bei MW-Antrieben, die in ein entsprechendes System eingebunden sind, ist es hingegen sicherlich sinnvoll auf diese Funktion zugreifen und möglichst viele Informationen über den Zustand der Antriebe erhalten zu können.
M. Kuhnert: Es ist doch gut, wenn die Geräte die Möglichkeit bieten. Man muss sie ja nicht nutzen. Oft erkennt man die Vorteile auch erst auf den zweiten Blick. So wurde ein Wasserwerk oder ein Generator in der Vergangenheit nur ein- oder ausgeschaltet. Der Effizienzgedanke und damit das Potenzial, das auch in der Sammlung von Daten steckt, hat gar keine Rolle gespielt. Dies hat sich inzwischen stark geändert. Heute sind viele Ängste beseitigt und das Sammeln und Auswerten von Daten wird überall akzeptiert. Das merken wir auch an Ecostruxure, wo wir anfangs einige Hemmungen abbauen und die Kunden von den Vorteilen überzeugen mussten. Inzwischen sind wir mit dem Konzept sehr erfolgreich am Markt unterwegs.
J. Siefert: Dem Kunden muss immer wieder klar werden: Er kann, muss aber nicht alle Möglichkeiten nutzen. Wir begleiten unsere Kunden deswegen partnerschaftlich bei der Entwicklung, wenn es gewünscht wird, und zeigen ihm ­Alternativen auf, um Akzeptanz aufzubauen. Das gilt beispielsweise auch für die Cloud-Technologie.

Können Sie ein Beispiel für solch eine partnerschaftliche Entwicklung geben?
M. Kuhnert: Aber natürlich. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist der Hersteller von Blechbiegemaschinen Data M. Gemeinsam haben wir vor fünf Jahren begonnen ein ganz neues, besonders effizientes Konzept für das dreidimensionale Biegen von Blechen zu entwickeln [1]. Die Anlage vereint anspruchsvolles Walzprofilierungs- sowie Simulations-Know-how mit einer nicht minder komplexen Automatisierungslösung. Während Data M das mechanische und das Prozess-know-how mit einbrachte, waren wir für die Hard- und Software sowie das Engineering verantwortlich. Die neue Anlage arbeitet besonders effizient und intelligent – sowohl in der Produktion als auch bei den Daten – sodass besonders wenig Ausschuss produziert wird. Während der Produktion werden die verfügbaren Daten, zum Beispiel aus der Biegung eines Profils, analysiert und der Prozess somit optimiert. In der Cloud werden dann nur noch die relevanten Daten für den optimierten Prozess abgespeichert.
J. Siefert: Die Entscheidung für eine Cloud-Anbindung fiel bei Data M trotz anfänglicher Skepsis. Jetzt kann das Unternehmen jederzeit prognostizieren, wann Antrieb x oder Biegewerkzeug y verschleißt. Entsprechend liegt das Ersatzteil bereits vor dem Ausfall parat, was die Stillstand­zeiten minimiert. Ein weiterer Vorteil sind kaskadierbare Anwendungen von der Einzel- bis zur Dauerfertigung – die regelmäßige Auswertung gibt Aufschluss über die Auslastungsgrenze.

Dennoch wird die Cloud-Kommunikation im industriellen Umfeld oft noch sehr kritisch gesehen. Was bietet Schneider Electric unter dem Aspekt Security an?
M. Kuhnert: In Bezug auf die Datensicherheit in der Cloud-Kommunikation arbeiten wir mit Microsoft zusammen. Ein eigenes Datacenter dafür einzurichten wäre Unsinn. Unternehmen wie Google und Microsoft sind uns – was die Daten-Infrastruktur und deren sicheres Handling anbelangt – um Jahre voraus. Außerdem sind uns und unseren Kunden sichere Schnittstellen viel wichtiger.
J. Siefert: Mit unseren Lösungen vereinen wir maximale Vernetzung und maximale Sicherheit – von der gecoverten Insellösung bis zur komplexen Cloud-Anwendung mit voller Flexibilität. Es bringt nichts, immer größere Rechnerleistung zur Verwaltung unnützer Daten einzusetzen. Deswegen betone ich gerne noch einmal „Smart Data“ sind wichtiger als „Big Data“. Statt alle möglichen Daten in die Cloud zu schicken und unnötig Übertragungskapazitäten und Speicherplatz zu belegen, sollten die Daten optimal vorverarbeitet werden. Unser Tool Struxureware ist dafür ein gutes Beispiel. Dabei wird eine Vorauswahl getroffen, welche Daten dann an den Enterprise Server gegeben werden. So bleibt eine Cloud handhabbar und man gewinnt Effizienz sowie Geschwindigkeit.

Gehört dazu auch der Resource Advisor?
J. Siefert: Genau. Der Resource Advisor gibt einen Einblick in die Energienutzung und Nachhaltigkeit in Unternehmen. Durch seinen modularen Aufbau lässt er sich individuell an die jeweiligen Wünsche und Gegebenheiten anpassen und ist auch nachträglich erweiterbar. So können Entscheider Energiekosten protokollieren und steuern sowie die CO2-Emissionen in allen ihren Gebäuden und Anlagen aufzeichnen. Die Anwendung umfasst Tools für Erfassung, Analyse und Berichterstellung zu Energiekosten und Verbrauch auf Makro- und Mikroebene.
Dabei geht es nicht nur um technische, sondern auch sehr stark um kaufmännische Aspekte, etwa Energieeinkauf, -analyse und -management – auch standortunabhängig für verteilte Standorte.

Gerade die Wartung und Bedienung hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Heute ist fast alles mobil. Wohin geht der Weg?
J. Siefert: Der Einsatz eines iPad an der Maschine ist heute gang und gäbe. Hier gibt der Alltag den Trend vor. So sucht heute jeder zum Beispiel bei einem Druckerproblem zu Hause im Internet nach Lösungsvorschlägen und findet sie in der Regel auch. Das wollen wir auch dem Maschinenanwender bieten. Aktuell bieten wir eine Vielzahl an Daten und Videos, die dem Servicetechniker die Arbeit vereinfachen. In fünf Jahren könnte es so sein, dass das iPad ihm bei einer Störung der Maschine durch eine Identifikation zum Beispiel einen Film einspielt und so eine Lösung anbietet.
M. Kuhnert: Auf der diesjährigen Fachpack hat einer unserer Kunden gezeigt, wo es hingeht: Mittels Virtual Reality hat er ein Holodeck realisiert, auf dem eine Maschine komplett zerlegt und die Einzelteile betrachtet werden können. Auf dem Messestand hatte der Besucher dann den direkten Vergleich zur echten Maschine.
J. Siefert: Die Zukunft bleibt spannend. Wir wollen sie als Partner zusammen mit unseren Kunden gestalten. Jedes Konzept braucht seine Zeit. In fünf Jahren wird sich auch Ecostruxure etabliert und weiterentwickelt haben. (no)

Literatur
[1] Schneider, T.: Dynamischer Umformprozess öffnet Tür zu ­Losgröße-1-Produktion. etz Elektrotechnik + Automation, 137 (2016) H. 11, S. 92 – 95 (ISSN 0948-7387)