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Aktuelles Wissen über den Blitzschutz

Bild 1. Die Blitzschutztagung spricht neben der Wissenschaft auch das gesamte Spektrum der Praxis an

Bild 2. Im Rahmen der Blitzschutztagung wurde an Dipl.-Ing. (FH) Klaus-Peter Müller die Goldene Ehrennadel des Ausschusses für Blitzschutz und Blitzforschung (ABB) im VDE überreicht

Bild 3. Der VDE-Nachwuchspreis wurde an Dipl.-Ing. Astrid Karnikowski für ihre Diplomarbeit an der Universität der Bundeswehr München verliehen

Bereits zum neunten Mal veranstaltete der Ausschuss für Blitzschutz und Blitzforschung (ABB) im VDE die erfolgreiche Blitzschutztagung in Neu-Ulm. Auch in 2011 wurde für die mehr als 200 Teilnehmer wieder gekonnt der Bogen von der Wissenschaft zur Praxis gespannt.

Das Bild 1 zeigt, dass es mit der Blitzschutztagung offensichtlich gelingt, neben der Wissenschaft auch das gesamte Spektrum der Praxis anzusprechen und das nicht nur national. So kamen auch bei der 9. Blitzschutztagung wieder zahlreiche Besucher aus dem Ausland, im Besonderen aus Österreich, der Schweiz und den Niederlanden. Vorgetragen und diskutiert wurden 19 Beiträge, und weitere drei Beiträge wurden als Poster präsentiert: Auch in der begleitenden Ausstellung von Blitzschutzbauteilen und Schutzgeräten, an den Ständen der Hersteller, in den Konferenzpausen sowie beim abendlichen Stehempfang gab es vielfältigen Informationsaustausch und Diskussionen. In diesem Bericht werden die Aktivitäten der Experten in Forschung, Praxis und in den Normungsgremien anhand ihrer Fachvorträge vorgestellt.
Behandelt wurde der aktuelle Stand der Normung und daraus resultierende Konsequenzen, die Themen Gefährdungen durch Blitzeinwirkungen, die blitzschutzorientierte Forschung und Entwicklung sowie der Blitz- und Überspannungsschutz in der Praxis.

Aktueller Stand der Normung
Fast schon traditionell begann die Blitzschutztagung mit dem Thema Normung. So berichtete zunächst A. Kern über die im Dezember 2010 herausgegebenen Standards IEC 62305-1 , -3 und -4 Edition 2, von denen nahezu zeitgleich die korrespondierenden europäischen Normen, publiziert und dann in die zweiten Ausgaben der DIN EN 62305-1 (VDE 0185-305-1), -3 (VDE 0185-305-3) und -4 (VDE 0185-305-4) umgesetzt wurden. Der Teil EN 62305-2 Edition 2 hat in Europa die erforderlichen Abstimmungsmehrheiten nicht erreicht. Daher muss dieser Teil bei Cenelec, der Europäischen Normungsorganisation, nachgearbeitet werden. A. Kern ging in seinem Beitrag auf die wesentlichen Neuerungen der zweiten Edition der Normenreihe ein und berücksichtigte dabei aus Gründen der Vollständigkeit auch die bisher bekannten Neuerungen im Teil 2, obwohl dieser Teil inhaltlich noch nicht endgültig fixiert ist.

K. Scheibe berichtete von den großen Anstrengungen bei der Normung von Überspannungsschutzmaßnahmen im Niederspannungsbereich in den beiden zurückliegenden Jahren. Er ging besonders auf die überarbeiteten und neu erstellten Normengruppen zum Überspannungsschutz VDE 0675 und VDE 0845 ein. Neben den Normen für Überspannungsschutzgeräte zum Einsatz in Wechselstrom-Niederspannungsanlagen stellte er die aktuellen Standards für den Niederspannungs-Gleichspannungsbereich (Photovoltaik und Windenergieanlagen) vor und ging ergänzend auf die aktuellen Überspannungsschutz-Standards für den Telekommunikations- und IT-Bereich ein.

J. Birkl befasste sich mit dem Blitzschutz von Windenergieanlagen (WEA). Die Anforderungen hierfür sind in der Norm VDE 0127-24 festgelegt, die als deutsche Fassung der EN 61400-24 basierend auf der IEC 61400-24 im April 2011 veröffentlicht worden ist, und an deren internationaler Fassung er mitgearbeitet hat. Die Norm beschreibt die Blitzumgebung von Windenergieanlagen mit den Verweisen auf die entsprechenden Blitzschutznormen. Da Windenergieanlagen während ihrer Betriebsdauer mehrfach direkten Blitzeinschlägen ausgesetzt sein können, bestehen erhöhte Anforderungen an das Blitzschutzsystem. Dies gilt auch für Überspannungsschutzgeräte, die in einer WEA eingesetzt werden. In der Norm werden Anforderungen an den Blitzschutz für Teilkomponenten, wie Rotorblätter, mechanischer Antriebsstrang und elektrische wie elektronische Steuerungssysteme, festgelegt. Wesentlicher Bestandteil der Vorschrift sind Laboruntersuchungen zur Verifizierung der Blitzschutzmaßnahmen; es wird dringend empfohlen, die Wirksamkeit der Schutzmaßnahmen durch entsprechende Laboruntersuchungen nachzuweisen und zu dokumentieren.

R. Brocke berichtete zum Abschluss der Sitzung darüber, dass derzeit an einer Erweiterung der Normenfamilie IEC 62561 um einen neuen Teil 8 gearbeitet wird, der die Anforderungen an Komponenten des isolierten Blitzschutzes (Requirements for components for isolated LPS) umfassen soll. Er zeigte in seinem Beitrag die grundsätzlichen physikalischen Zusammenhänge auf, die für den Test der dielektrischen Festigkeit und der Blitzstromtragfähigkeit von Komponenten des isolierten Blitzschutzes wichtig sind. Auf dieser Basis unterbreitete er Vorschläge für einfache, elektrische Testverfahren, die auch bei der IEC diskutiert werden. Zur Überprüfung der dielektrischen Festigkeit der Komponenten oder für den Nachweis der Gleitentladungsfestigkeit an den Enden isolierter Ableitungen dient ein Impulsspannungstest unter Verwendung einer Vergleichsanordnung. Ist auch der Nachweis der Blitzstromtragfähigkeit erforderlich, so wird der Stoßspannungstest um einen Stoßstromtest ergänzt. Besonderen Wert legte R. Brocke auf die Durchführbarkeit dieser Tests in Laboratorien mit einer Standardausstattung für Stoßspannungs- bzw. Stoßstromtests. Abschließend ging er noch auf die Notwendigkeit zur Konditionierung der Prüflinge im Hinblick auf Alterung und klimatische Belastung ein.

Gefährdung durch Blitzeinwirkungen
Mehrere eingereichte Beiträge hatten den Programmausschuss bewogen, in diesem Jahr einen neuen Schwerpunkt „Gefährdung durch Blitzeinwirkungen“ vorzusehen, der sich neben Gefährdungen, zum Beispiel durch Schrittspannungen, auch mit Blitzunfällen befasst. J. Suchanek berichtete in seinem Beitrag über die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zur optimierten Auslegung von Blitzschutzerdungsanlagen unter Schrittspannungsaspekten. Insbesondere wurde die Frage nach möglichen zulässigen Grenzwerten für auf den Menschen einwirkende Schrittspannungen gestellt. Da in der Literatur nur unzureichende Informationen verfügbar sind, waren eigene Untersuchungen durchgeführt worden, die in dem Beitrag vorgestellt wurden. Gegenstand war sowohl die Berechnung der Ströme durch den menschlichen Körper mittels 3-D-FEM-Simulation, als auch die Auswertung der vorhandenen Literaturstellen. Im Ergebnis konnten mit vier voneinander unabhängigen Methoden Grenzwerte für Schrittspannungen bei einem 10/350-μs-Impuls bestimmt werden. Alle Herangehensweisen führten zu vergleichbaren Ergebnissen, sodass nachvollziehbar ein Vorschlag für einen zulässigen Grenzwert in Höhe von 25 kV angegeben werden kann.

K.-P. Müller berichtete in seinem ergänzenden Beitrag über die praktischen Belange der vorgenannten, gemeinschaftlichen Forschungsarbeiten. Er ging zunächst auf die Festlegungen der DIN EN 62305-3-305 (VDE 0185-305-3) ein, die Lösungsvorschläge für die Begrenzung der Schrittspannungen angibt. Diese sind allerdings in Bezug auf ihre Wirksamkeit und mit Blick auf den hohen Arbeits- und Materialaufwand kritisch zu hinterfragen. Als vorläufige Schlussfolgerung aus den Forschungsarbeiten sieht K.-P. Müller, dass die Berücksichtigung der Bodenionisierung zu realen Schrittspannungen führt, welche in manchen Fällen deutlich geringer sein können, als man bei linear betrachteter Spannungsverteilung am Erdboden ermittelt. Auch bei ausgedehnten Ausführungen oder Ausführungen mit großen Tiefen erhält man – bei Berücksichtigung der maximalen effektiven Erderlänge – geringere Schrittspannungen. Diese Erkenntnisse können im Hinblick auf Schrittspannungen zu Erdungsanlagen mit erhöhter Sicherheit aber auch zu preisgünstigeren Erdungsanlagen mit demselben Grad an Sicherheit führen. Daher sollten und werden zukünftige Arbeiten weitere Untersuchungen zur Optimierung der Ausführung von Erdungsanlagen einschließen.

Es folgte ein Beitrag von M. Kompacher über einen Blitzschlag zu Beginn eines Gewitters, der in nächtlicher Stunde eine Personengruppe traf. Die Unfallstelle liegt in flacher Umgebung (Grünland und Felder). Entlang der Straße sind metallene Straßenlampen vorhanden. Insgesamt waren sieben Personen in drei Teilgruppen hintereinander auf dem asphaltierten Gehweg unterwegs. Das vom Blitz direkt betroffene Ehepaar ging in der Mitte dieser Personengruppe. Die direkte Blitzentladung traf den Ehemann, der Hand in Hand neben seiner Frau ging, im Kopfbereich. Er fiel ohne Abwehrreaktion nach vorne um, blieb auf dem Bauch liegen und war sofort tot. Er wies am gesamten Körper die typischen Merkmale einer direkten Blitzentladung in den Körper mit Stromeintritts- und -austrittsmerkmalen auf. Die Ehefrau wurde ebenfalls nach vorne zu Boden geworfen, wobei sie aber ihr Gesicht mit den Händen reflexartig schützen konnte. Sie erlitt trotz des direkten Kontakts über die Hand zu ihrem Ehemann nur kurzzeitige Lähmungserscheinungen im linken Arm und in beiden Beinen. Alle anderen Personen dieser Gruppe blieben unverletzt.

J. Kupfer berichtete über das Ergebnis einer von ihm geleiteten Arbeitsgruppe beim VDE-Ausschuss für Blitzschutz und Blitzforschung, die ein neues Informationsblatt „Wirkungen, medizinische Maßnahmen, Akut- und Spätfolgen sowie Begutachtung nach Unfällen durch Blitzeinwirkung“ erarbeitet hat. Zielgruppe ist vor allem medizinisches Personal. Beginnend mit der Rettungskette nach Unfällen durch Blitzschlag wird in dieser VDE/ABB-Information, aus der Sicht unterschiedlicher medizinischer Fachdisziplinen, der derzeitige Stand der Kenntnisse unter Beachtung organspezifischer Wirkungen zusammengefasst. Vorangestellt wird das Naturphänomen Blitz mit seinen für die medizinische Versorgung und Begutachtung wichtigen technischen Kenngrößen und den zu beachtenden Randbedingungen. Schlussfolgernd werden gesicherte oder noch hypothetisch geltende pathophysiologische Wirkmechanismen beschrieben. In einem Schema werden wichtige Verhaltensregeln bei Gewittersituationen zusammengefasst.

Blitzschutzorientierte Forschung und Entwicklung
Bei der dritten Sitzung dieser 9. Blitzschutztagung traf die Wissenschaft auf die Praxis. Eingeleitet wurde diese von A. Kern mit einem Beitrag über die Berechnung der Einfangwirksamkeiten von Fangeinrichtungen. Er stellte zunächst seine Berechnungsmethode auf der Basis eines dynamischen elektro-geometrischen Modells vor, das ausschließlich auf vorhandenen und in internationalen Normen anerkannten Ergebnissen, blitzphysikalische Grundlagen und Untersuchungen beruht. Dabei wird im Gegensatz zum klassischen Blitzkugelverfahren mit variablen, dem jeweiligen Blitzstrom entsprechenden Enddurchschlagstrecken gearbeitet. Mit diesem Modell wurden einige Beispiele des normgerechten Schutzes mit Fangstangen untersucht. Es zeigte sich, dass die Einfangwirksamkeiten wesentlich höher sind als die, welche in der Normenreihe DIN EN 62305 (VDE 0185-305) angenommen wurden. Konkret ergab sich, dass die Ecken und Kanten eines Gebäudes deutlich stärker gefährdet sind, als die flachen Dachebenen.

Die von A. Kern vorgestellten Ergebnisse können auch dazu beitragen, die scheinbare Wirksamkeit von nicht-konventionellen Fangeinrichtungen, zum Beispiel Early-Streamer-Emission-Einrichtungen, zu erklären. Diese Wirksamkeit wird häufig empirisch mit der hohen Anzahl von installierten Systemen und der angeblich geringen Anzahl von Fangfehlern begründet. Verständlich wäre eine geringe Anzahl von Fangfehlern hingegen alleine durch Betrachtung der hohen Maste, die bei diesen Systemen üblicherweise an den höchsten Stellen der Gebäude platziert werden, also dort, wo auch grundsätzlich hohe Einfangwirksamkeiten für stromstarke Blitzentladungen bestehen. Sie wirken an diesen Stellen gemäß der in IEC 62305-3 formulierten Auffassung des internationalen Normenkomitees IEC TC81 ebenso wie klassische (Franklin-)Fangstangen, auch ohne dass irgendein Blitztrigger-Effekt einsetzt. Man könnte sie demnach wohl auch einfach durch Franklin-Fangstangen ersetzen, ohne den Schutz zu verschlechtern.

Es folgten drei Beiträge, die über neue Blitzstrommessungen informierten. Zunächst berichtete M. Wetter über solche Messungen in Windenergieanlagen, die eine wichtige Grundlage für den dort zu installierenden Blitz- und Überspannungsschutz sind. Letzterer ist eine unverzichtbare Maßnahme für eine hohe Verfügbarkeit der Anlage und damit für ihre Wirtschaftlichkeit. Während die elektrischen und elektronischen Systeme der Anlagen durch Überspannungsschutzkonzepte gut geschützt werden können, treten an den äußeren Strukturen, insbesondere an den Rotorblättern, immer wieder Schädigungen durch direkten Blitzeinschlag auf. In regelmäßigen Wartungszyklen werden diese Schäden aufwendig untersucht und behoben. M. Wetter stellte in seinem Beitrag ein Blitzstrommessverfahren vor, welches es ermöglicht, im Betrieb der Anlage die durch die Rotorblätter abgeleiteten Blitzströme direkt zu messen und deren Parameter wie Amplitude, Steilheit und Ladung zu erfassen. Auf Basis der realen Blitzbelastung sind dann adaptive Wartungszyklen möglich. Das vorgestellte Messsystem ist als marktreifes Produkt erst kürzlich fertiggestellt worden. Messdaten aus den Serienprodukten liegen derzeit noch nicht vor.

M. Manhardt berichtete über die Blitzstrom- und Blitzfeld-Messungen am Fernmeldeturm auf dem Hohen Peißenberg. Diese schon in den 1970er Jahren etablierte, weltbekannte Blitzmessstation war nach Modernisierung und Wiederinbetriebnahme im Jahr 2008 kontinuierlich weiter ertüchtigt worden. Seit Beginn des Jahres 2010 werden neben der direkten Messung des Blitzstroms und seiner zeitlichen Änderung an der Spitze des 150 m hohen Fernmeldeturms auch Messungen der elektrischen und magnetischen Felder in etwa 200 m Entfernung durchgeführt. Mit der Messeinrichtung wurden seit der Wiederinbetriebnahme rund 15 Blitzereignisse aufgezeichnet. Damit lies sich nachweisen, dass die Messeinrichtung mit der gewünschten Zuverlässigkeit und Genauigkeit arbeitet. Als beispielhaftes Ergebnis zeigte M. Manhardt den gemessenen Strom eines negativen Aufwärtsblitzes mit deutlichem anfänglichem Langzeitstrom aufgrund des aufwärts wachsenden Leaders und der nachfolgenden Hauptentladung zum Zeitpunkt 0,6 s. Mit der Installation der Kameraeinheit ist der Aufbau der Blitzmessstation vorerst abgeschlossen. Gleichwohl wären eventuelle zukünftige Erweiterungen und Verbesserungen aufgrund des flexiblen Aufbaus leicht zu realisieren.

K. Scheibe berichtete zum Abschluss der Sitzung über Blitzstrommessungen für künftige Offshore-Windparks in der Nordsee. Da für den Bau und Betrieb von Offshore-Windparks wenige Erfahrungswerte vorliegen, hatte die Bundesregierung das ehrgeizige Ziel, die erneuerbaren Energien bis 2020 auf einen Anteil von 20 % an der Stromversorgung auszubauen, bereits im Jahr 2001 den Bau von drei Forschungsplattformen initiiert. Das Institut für Elektrische Energietechnik der FH Kiel beteiligt sich mit einem Forschungsvorhaben zur Blitzstrommessung an dem Forschungsprogramm von der dritten Plattform, Fino 3, 80 km westlich von Sylt am Rande des genehmigten Offshore-Windparks Dan Tysk. K. Scheibe berichtete, dass der in den Jahren 2006 bis 2008 konzipierte Messturm Fino 3 aus Umweltschutzgründen und früh einsetzender Herbststürme erst später als geplant in Betrieb genommen werden konnte. Das Messequipment wurde dann einschließlich aller Messeinrichtungen zur Blitzstrommessung und der anderen Forschungsvorhaben im Sommer 2009 seiner eigentlichen Bestimmung für drei weitere Forschungsjahre übergeben. Inzwischen wurde auch ein erster Blitzeinschlag registriert.

Blitz- und Überspannungs-schutz in der Praxis
Bei der 9. Blitzschutztagung war den praktischen Beiträgen ein besonders breiter Raum eingeräumt worden, indem sich zwei Sitzungen mit diesem Thema befassten. Im ersten Beitrag berichtete J. Faller über die Realisierung von EMV-gerechtem Blitzschutz. Er zeigte anhand von Beispielen den Weg von der Konzeption von Schirmungsmaßnahmen entsprechend DIN EN 62305-4 gegen LEMP bis hin zur Realisierung beim Bau von Großprojekten, wie großen Rechenzentren und Unternehmenszentralen. Die praktische Erfahrung von J. Faller hat gezeigt, dass Schirmungsmaßnahmen gegen LEMP auch in großen und komplexen Bauvorhaben umsetzbar sind. Wichtig sind dazu insbesondere eine sorgfältige Konzeption, Planung und Bauüberwachung sowie die Kommunikation zwischen den beteiligten Fachleuten, wie Statikern und Blitzschutzexperten.

Im zweiten Beitrag dieser Sitzung berichtete J. Birkl über den Überspannungsschutz in Gleichstromanlagen. Er führte zunächst aus, dass der Einsatz von Gleichstromsystemen in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Neben klassischen DC-Anwendungen, zum Beispiel in der Telekommunikation und der Bahntechnik, entstehen eine Vielzahl neuer DC-Applikationen, die unter anderem durch die rasante Verbreitung von Photovoltaikanlagen zur Energieerzeugung bedingt sind. Auch die aktuellen Projekte zur E-Mobility erweitern den Anwendungsbereich erheblich. Damit einhergehend sind auch die Anforderungen an den Überspannungsschutz von Gleichstromanlagen gewachsen. Sowohl die zurzeit gültigen Installationsvorschriften zur korrekten Auswahl und zum Einsatz von Überspannungsschutzgeräten (SPD), als auch die Produktnormen für Überspannungsschutzgeräte in Niederspannungsanwendungen beschreiben im Wesentlichen nur die Anforderungen beim Einsatz in Wechselstromanlagen. Im Besonderen ging J. Birkl auf die speziellen Anforderungen an SPD beim Einsatz in unterschiedlichen Gleichstromanwendungen ein. Die Einhaltung der Anforderungen muss natürlich überprüft werden, was ein weiterer Schwerpunkt des Beitrags war. Insbesondere wurde ein neu errichtetes Gleichstromprüffeld für DC-SPD vorgestellt.

Zum Abschluss dieser Sitzung berichtete M. Kienlein über Ex-Trennfunkenstrecken zum Schutz von Isolierstücken nach AfK Nr. 5 – „Auswahl und Bewertung der Installation“. Blitzbedingte Überspannungen können beim Überschreiten der elektrischen Festigkeit zu offener Funkenbildung oder zur Zerstörung des Isolierstücks führen. Ex-Trennfunkenstrecken (ExFS) haben die Aufgabe, das Isolierstück gegen blitzbedingte Überspannungen zu schützen und die Blitzenergie bei gleichzeitig auftretender gefährlicher explosionsfähiger Atmosphäre (g.e.A.) zündfunkenfrei abzuleiten. Im Normalbetrieb und nach dem Ableitvorgang soll die „ExFS“ sicher elektrisch trennen. Die AfK-Empfehlung Nr. 5 war unter Berücksichtigung von Vorschlägen aus der Praxis an die aktuellen Blitzstromparameter nach DIN EN 62305 angepasst worden. Die Neufassung enthält neben der Überprüfung von „ExFS“ auch Hinweise zur Auswahl von „ExFS“ inklusive der geeigneten Anschlusstechnik, welche im Beitrag näher beschrieben wurden. Mit der neuen Empfehlung besteht nunmehr die Möglichkeit, die Installation von „ExFS“ mit Blick auf das Schutzziel „Schutz des Isolierstückes“ nachvollziehbar zu bewerten.

In der zweiten Sitzung zum Thema „Blitz- und Überspannungsschutz in der Praxis“ präsentierte zunächst G. K. Wolff Praxisbeispiele für die normenkonforme Installation von Überspannungsschutzeinrichtungen. Wesentliche Grundlage des Beitrags war die DIN VDE 0100-534 (VDE 0100-534), in der Planern, Errichtern, Betreibern und Prüfern von Überspannungsschutzeinrichtungen Auswahl- und Errichtungshinweise gegeben werden, um die Verfügbarkeit von Niederspannungsanlagen anwendungssicher zu erhöhen. Anhand von ausgewählten Praxisbeispielen aus industriellen Niederspannungsschaltanlagen erläuterte G. K. Wolff die fachgerechte Umsetzung der aktuellen Normungssituation. Er leitete Installationsempfehlungen für Überspannungsschutzeinrichtungen ab, die den Sinn der Errichtungsbestimmung in die Praxis umsetzen.

Anschließend berichtete F. Pigler über den Blitzschutz an Gebäuden mit Vorhangfassaden. Der Beitrag ging auf das Problem ein, dass in Gebäuden mit Vorhangfassaden die blitzstromführenden Leiter, also die Fassade, von Personen innerhalb des Gebäudes berührt werden, und diese dann Schaden erleiden können. Die Situation ist dabei ähnlich wie bei einer Verbindung leitender Installationen mit dem Blitzschutzsystem, wenn der Sicherheitsabstand nicht eingehalten werden kann. Auch dort können zwischen diesen verbundenen Leitern und davon getrennten, geerdeten Leitern beträchtliche Spannungen auftreten. Die Gefährdung kann reduziert werden durch eine bessere Verteilung des Blitzstroms in der Fassade, durch die Nutzung der Bewehrung der obersten Decke, durch besseren Potentialausgleich und durch Isolierung der Fassadenteile. In der DIN EN 62305 ist nur auf die elektromagnetische Wirkung der über die verbundenen Leitungen fließenden Ströme hingewiesen, nicht aber auf mögliche große Potentialdifferenzen. Daraus leitete F. Pigler ab, dass die Norm ergänzt werden sollte.

Im folgenden, ergänzenden Beitrag ging R. Schüngel darauf ein, welche Probleme für den Blitzschutz sich durch nachträglich installierte metallene Unterkonstruktionen und metallene Wandbekleidungen ergeben können. Durch nachträglichen Einbau von Metallfenstern oder bei der Installation von elektrisch betriebenen Jalousien wird der erforderliche Trennungsabstand zur vorhandenen äußeren Blitzschutzanlage oft nicht mehr eingehalten. Als Folge hieraus kann bei Blitzeinschlag ein Teilstrom zum Beispiel über die elektrischen Leitungen der Jalousiemotore durch das Gebäude fließen. R. Schüngel sieht hier Aufklärungs- und Erläuterungsbedarf bei den verantwortlichen Architekten, den Fassadenbauern und den verantwortlichen Planern und Ausführenden der Elektroinstallation. Nur bei frühzeitiger Beteiligung einer Blitzschutzfachkraft ist es möglich, eine schutztechnisch optimale und finanziell vertretbare Lösung für das Blitzschutzsystem zu finden. In seinem Beitrag erläuterte R. Schüngel exemplarisch einzelne der vielfältigen Maßnahmen für die Ertüchtigung oder Errichtung von Blitzschutzsystemen bei nachträglicher Ausrüstung von Gebäuden mit metallenen Unterkonstruktionen oder Wandbekleidungen.

Zum Abschluss dieser Sitzung berichtete S. Thumser über einen Blitzschlag in eine Industrieanlage und dessen Folgen. Seine Analyse zeigte auf, wie sensibel elektrisch gesteuerte Komponenten auf die Wirkungen atmosphärischer Entladungen reagieren und welche Folgen sich daraus in einer komplexen Industrieanlage ergeben können. An dem als Beispiel besprochenen Fall zeigte S. Thumser auf, dass durch nachträgliche Installationen von Antennenanlagen, zum Beispiel durch Mobilfunkbetreiber, oft hohe Sicherheitsrisiken für die bestehende Betriebsanlage eingegangen werden. Es wurde deutlich erkennbar, welche gravierenden Schäden im Bereich der elektrischen Anlagen bei unzureichenden Maßnahmen zum Blitzschutzpotentialausgleich auftreten können. S. Thumser legte nahe, den Blitzschutz umfassend zu betrachten, damit sowohl die Schutzziele Personen- und Brandschutz, als auch ein Maximum an Anlagenverfügbarkeit erreicht wird.

Ehrungen
Im Rahmen der Blitzschutztagung wurde an Dipl.-Ing. (FH) Klaus-Peter Müller die Goldene Ehrennadel des Ausschusses für Blitzschutz und Blitzforschung (ABB) im VDE überreicht (Bild 2). Diese wird vom Fördererkreis des ABB an Fachleute verliehen, die sich in besonderem Maße im Rahmen der Arbeiten des ABB und seines Fördererkreises auf dem Gebiet des Blitzschutzes verdient gemacht haben.
Der mit 1 000 € dotierte VDE-Nachwuchspreis wurde an Dipl.-Ing. Astrid Karnikowski für ihre hervorragende Diplomarbeit an der Universität der Bundeswehr München verliehen (Bild 3). Das Preisgeld war von der Blitzschutzbau Rhein-Main Adam Herbert GmbH gestiftet worden.

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Autor: Prof. Dr.-Ing. habil. Klaus Stimper ist Inhaber des Lehrstuhls für Hochspannungstechnik und Blitzforschung an der Universität der Bundeswehr

Autor: Dipl.-Ing. (FH) Klaus-Peter Müller ist als Produktmanager Blitzschutz/Erdung, Sonderprojekte für die Dehn + Söhne GmbH + Co.KG in Neumarkt tätig.