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01 Die Niederspannungsrichtlinie 2006/95/EG erfordert bezüglich der Dokumentation von Schaltschränken einen hohen Aufwand, der jedoch mit dem entsprechenden Detailwissen gut zu bewältigen ist

Schaltschrankbau mit Brief und Siegel

02 Bei der Dokumentation von Schaltschränken müssen die Rahmenbedingungen der technischen Umsetzung genau geklärt sein, um alle notwendigen Informationen im richtigen Umfang an der passenden Stelle zusammentragen zu können

03 Ein weiterer wesentlicher Aspekt beim Schaltschrankbau – insbesondere auch nach DIN EN 60204-1 (VDE 0113-1) und DIN EN 61439-1 (VDE 0660- 600-1) – ist die Dokumentation von Schaltgerätekombinationen

04 Mit der Software „CAx“-Download-Manager von Siemens lassen sich alle gewünschten Informationen über die eingesetzten elektrischen Bauteile auf Knopfdruck digital abrufen

05 Die Online- Plattform „My Documentation Manager“ von Siemens bildet die Basis für eine individuelle Dokumentation für die unterschiedlichsten Schaltschrankprojekte

Wer Schaltschränke zur Steuerung von Maschinen und Anlagen baut oder betreibt, hat eine Reihe von Richtlinien zu beachten. Dazu gehört auch die normgerechte, vollständige und aktuelle Dokumentation. Wer also Schaltschränke liefert, sollte wissen, welche Unterlagen mit dabei sein müssen.

Der moderne Schaltschrankbau unterliegt einerseits vielen Konventionen seitens der rasanten technischen Entwicklung sowie der stetig steigenden wirtschaftlichen Interessen. Andererseits müssen Schaltschrankbauer aber auch die Abgrenzungen berücksichtigen, die sich aus wichtigen Richtlinien wie der Maschinenrichtlinie 2006/42/EG und der Niederspannungsrichtlinie 2006/95/EG ergeben (Bild 1). Diese und weitere Richtlinien sind in Deutschland als Verordnungen zum Geräte- und Produkt-Sicherheitsgesetz umgesetzt. Grundsätzlich gilt: Der Hersteller muss entscheiden, welche Richtlinien er für sein Produkt anwenden muss. In diesem Spannungsfeld ist es notwendig, nicht nur die richtigen Entscheidungen zu treffen, sondern diese auch in der geforderten Art und Weise zu dokumentieren.

Erforderliche Dokumentation
Insofern müssen Schaltschrankbauer die geforderten Nachweise nach DIN EN 61439-1 (VDE 0660-600-1) und DIN EN 61439-2 (VDE 0660-600-2) für den Schaltschrank erbringen. Allerdings empfiehlt beispielsweise Siemens www.siemens.de, im Vorfeld der Auftragsvergabe bestimmte Rahmenbedingungen festzulegen, da dies Auswirkungen auf den Prozess der Konformitätsbewertung hat und den Umfang der Dokumentation beeinflusst (Bild 2). Zwischen Auftraggeber und Hersteller sollte deshalb klar vereinbart werden, ob der Schaltschrank
•nicht eigens in Verkehr gebracht wird – der Schaltschrankbau also als „verlängerte Werkbank“ dient,
•oder als elektrisches, anschlussfertiges Produkt unter die Niederspannungsrichtlinie fällt,
•oder ein Sicherheitsbauteil gemäß Maschinenrichtlinie ist.

Abgrenzung der Anwendungsbereiche von Maschinen- und Niederspannungsrichtlinie
Während die Maschinenrichtlinie (MRL) die Sicherheit beim Betrieb der Maschine in den Fokus stellt, konzentriert sich die Niederspannungsrichtlinie (NSPRL) auf die Sicherheit in Bezug auf elektrische Gefährdungen: Ein Schaltschrank fällt also entweder in den Anwendungsbereich der einen oder der anderen Richtlinie. Diese Aussage bezieht sich vor allem auf das sogenannte Konformitätsbewertungsverfahren. Das bedeutet, dass sich übergeordnete bzw. gemeinsame Schutzziele der Richtlinien nicht gegenseitig ausschließen. Oder anders ausgedrückt: Die Schutzziele der NSPRL müssen in jedem Fall erfüllt werden. Die Entscheidung, ob sich ein Schaltschrank im Anwendungsbereich der MRL oder der NSPRL befindet, hat einen wesentlichen Einfluss auf das Konformitätsbewertungsverfahren, auf die CE-Kennzeichnung und auf die Nachweispflichten des Herstellers wie zum Beispiel die technische Dokumentation bzw. internen Prüfberichte. Neben der Maschinenrichtlinie und der Niederspannungsrichtlinie ist auch die EMV-Richtlinie 2004/108/EG zu beachten. Auch wenn sie nicht sicherheitsrelevant ist, beschreibt sie dennoch die wichtige Funktion, wie Geräte im praktischen Einsatz störungsfrei „miteinander funktionieren“ müssen.

Konformitätsbewertung gemäß Niederspannungsrichtlinie
Die Konformitätsbewertung muss vom Hersteller oder seinem Bevollmächtigten, ansässig in derselben staatlichen Gemeinschaft, durchgeführt werden. Sie umfasst im Wesentlichen folgende Schritte:
•die Zusammenstellung der technischen Unterlagen,
•die Konformitätserklärung und
•die CE-Kennzeichnung.
Beim Zusammenstellen der technischen Unterlagen müssen Hersteller eine Reihe wichtiger Details beachten. Hierzu gehören die allgemeine Beschreibung des elektrischen Betriebsmittels, die Konstruktions- und Fertigungspläne sowie die Schaltbilder, aus denen die Anordnung der Bauteile, Baugruppen, Schaltkreise usw. hervorgeht. In der Konformitätserklärung sind die unter der NSPRL angewandten harmonisierten Normen aufzuführen. Falls die Konstruktion nicht auf Normen basiert, müssen die Mittel genau beschrieben werden, mit denen die Sicherheitsanforderungen der Richtlinie erfüllt werden. Auch die Ergebnisse der Konstruktionsberechnungen oder von durchgeführten Prüfungen müssen Inhalt der Schaltschrankdokumentation sein. Dabei können auch Prüfberichte von Geräteherstellern oder von Dritten herangezogen werden. Stets ist zu beachten, dass sämtliche technischen Unterlagen vor dem Inverkehrbringen zusammengestellt sein müssen. Nur so lässt sich der ordnungsgemäße Nachweis führen, dass das Produkt bzw. der Schaltschrank die entsprechenden Richtlinien erfüllt.

Dokumentation muss langfristig angelegt und praxisgerecht sein
Hersteller bzw. Bevollmächtigte müssen diese technischen Unterlagen für mindestens zehn Jahre aufbewahren. Dabei müssen sie leicht zugänglich sein, gegebenenfalls auch in elektronischer Form. Diese Aufbewahrungspflicht gilt auch für den Importeur oder den verantwortlichen Inverkehrbringer, falls der Hersteller bzw. sein Bevollmächtigter nicht in der staatlichen Gemeinschaft ansässig ist. „Auf Anfrage“ beispielsweise durch Behörden müssen die technischen Unterlagen zeitnah zur Verfügung stehen. Die Konformitätserklärung muss eine Reihe von Angaben enthalten, die klar kenntlich machen, wer dafür verantwortlich ist, welche elektrischen Betriebsmittel eingesetzt sind und auf welchem Weg die Konformität erreicht wird. Unter anderem ist auch der Zeitpunkt der erreichten CE-Kennzeichnung relevant. Dabei muss die Konformitätserklärung in mindestens einer europäischen Amtssprache verfasst sein, von denen es in der EU 23 gibt. Zu diesen gehören auch die drei Arbeitssprachen: Deutsch, Englisch und Französisch. Die CE-Kennzeichnung des elektrischen Betriebsmittels muss vor dem Inverkehrbringen erfolgen und darf nur durch den Hersteller oder seinen in der Gemeinschaft niedergelassenen Bevollmächtigten erfolgen. Diese Kennzeichnung muss am elektrischen Betriebsmittel selbst erfolgen. Geht das nicht, bietet sich alternativ die Verpackung, die Gebrauchsanleitung oder der Garantieschein an. In allen Fällen gilt allerdings, dass die Kennzeichnung deutlich sichtbar, leserlich und dauerhaft sein muss. Außerdem muss sie eine Mindesthöhe von 5 mm haben und bei Vergrößerungen müssen die Proportionen erhalten bleiben. Kennzeichnungen, die der CE-Kennzeichnung in Bedeutung oder Gestalt ähnlich sind und somit Verwechslungen hervorrufen könnten, sind verboten.

Dokumentation von Schaltgerätekombinationen
Ein weiterer wesentlicher Aspekt beim Schaltschrankbau ist die Dokumentation von Schaltgerätekombinationen. Hierbei müssen die Anforderungen der DIN EN 60204-1 (VDE 0113-1) und der DIN EN 61439-1 (VDE 0660-600-1) erfüllt werden. Neben vielen weiteren Punkten sind im Rahmen der erstgenannten Norm eine umfassende Beschreibung der Ausrüstung, Stücklisten, Betriebshandbücher, Anschluss- und Montagehinweise, Stromlaufpläne, Schutzeinrichtungen etc. von großer Bedeutung (Bild 3). Die zweite Norm bezieht sich dagegen auf alle kennzeichnenden Merkmale der Schaltgerätekombination, die in der technischen Dokumentation enthalten sein müssen. Auch Hinweise zu Transport, Handhabung, Aufstellung, Betrieb und Wartung sind hier relevant. Darüber hinaus müssen sich Geräte, Bauteile, Stromkreise etc. exakt identifizieren lassen. Gesonderte Anforderungen für Energie-Schaltgerätekombinationen gibt es indes nicht. Und nicht zu vergessen: Neben der Dokumentation stellt auch die Kennzeichnung von Schaltgerätekombinationen entscheidende Anforderungen auf Basis der beiden genannten Normen. Dies ist ein weiterführendes Thema, dem sich Schaltschrankbauer widmen sollten.

Elektronische Unterstützung bei der Dokumentation
Für die korrekte Dokumentation bietet der Anbieter Siemens beispielsweise eine Vielzahl von Informationen sowie Unterstützung in Form der oben genannten Seminare, von technischer Beratung und entsprechenden Software- Werkzeugen. All das dient dem Zweck, dass die Anwender die steigenden Anforderungen an die Dokumentation mit weniger Aufwand erfüllen können. Ein gutes Beispiel für die kontinuierliche Optimierung dieser Hilfen für das Zusammenstellen der relevanten Informationen rund um den Schaltschrankbau ist der sogenannte „CAx-Download-Manager“ des Unternehmens (Bild 4). Damit lassen sich die notwendigen Informationen zu den einzelnen Geräten, wie sie die beschriebenen Richtlinien erfordern – und darüber hinaus –, übersichtlich und schnell ermitteln. Hierzu gehören unter anderem Produktdatenblätter, Betriebsanleitungen, technische Daten, Handbücher, Kennlinien sowie Zertifikate/Approbationen. Weitere Unterstützung bei der normenkonformen Dokumentation elektrischer Systemlösungen bietet das Unternehmen als gleichzeitiger Gerätehersteller mit seinem Online-Tool „My Documentation Manager“ (Bild 5). Das ermöglicht auch Endkunden eine individuelle Erstellung ihrer Anlagendokumentation. Das hier am Beispiel Siemens beschriebene besondere Engagement für eine normengerechte, wirtschaftlich erstellbare Dokumentation macht den Wandel deutlich: Stand bei Anwendern früher überwiegend die technische und wirtschaftliche Realisierung einer Schaltschranklösung im Zentrum des Interesses, hat sich durch die aktuellen Richtlinien ein zusätzliches, umfangreiches Aufgabengebiet entwickelt – Anwender brauchen heute „Schaltschranklösungen mit Brief und Siegel“.

Zusammengefasste Grundregeln
In Rahmen der hier dargestellten Zusammenfassung konnten nur die wichtigsten Grundregeln einer richtlinienkonformen Dokumentation beschrieben werden. Aus diesem Grund bietet Siemens im Rahmen seiner eigenen Promotion-Aktivitäten entsprechende Seminare für Schaltschrankbauer sowie für Betreiber und Hersteller von Maschinen bzw. Anlagen an. Diese Seminare geben nützliche Hilfen für eine richtlinienkonforme Dokumentation, erheben aber ihrerseits keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

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Autoren:
Jürgen Werning ist Promotor für Niederspannungs-Schalttechnik in der Division Industry Automation im Industry Sector der Siemens AG in Laatzen. j.werning@siemens.com

Deniz Isik ist Promotor für Safety-Integrated in der Division Industry Automation im Industry Sector der Siemens AG in Laatzen. deniz.isik@siemens.com

Michael Adamus ist Consultant in der Business Unit Control Components and System Engineering in der Division Industry Automation im Industry Sector der Siemens AG in Fürth. michael.adamus@siemens.com