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07.11.2016

Besuch bei Kollmorgen in Ratingen



Spezialist für Customization

etz-Redakteur Frank Nolte (links) zu Besuch bei Kollmorgen-­Geschäftsführer Jan Treede in Ratingen

etz-Redakteur Frank Nolte (links) zu Besuch bei Kollmorgen-­Geschäftsführer Jan Treede in Ratingen

Jan Treede: „Unsere maßgeschneiderten Antriebslösungen steigern die Zuver­lässigkeit und Effizienz der Produktion sowie die Produktivität von Maschinen“

Jan Treede: „Unsere maßgeschneiderten Antriebslösungen steigern die Zuver­lässigkeit und Effizienz der Produktion sowie die Produktivität von Maschinen“

Jan Treede: „Die Einkabeltechnik hat ihren höchsten Nutzen in räumlich ausgedehnten Maschinen mit verteilten Einzelachsen, die lange Kabellängen aufweisen“

Jan Treede: „Die Einkabeltechnik hat ihren höchsten Nutzen in räumlich ausgedehnten Maschinen mit verteilten Einzelachsen, die lange Kabellängen aufweisen“

Schon seit vielen Jahren beschäftigt sich Kollmorgen – das in diesem Jahr 100 Jahre alt wird – mit Antriebstechnik. Das Produktportfolio des international aufgestellten Unternehmens ist inzwischen breit gefächert. Spezialisiert hat sich Kollmorgen dabei auf kundenspezifische Antriebslösungen. Was dahinter steckt, erfuhr die etz-Redaktion im Rahmen der etz@Tour bei dem Gespräch mit Geschäftsführer Jan Treede.

Ihr Produktportfolio reicht in der Antriebstechnik von Servo- und Getriebemotoren über Planetengetriebe, Servoverstärker und -regler bis hin zu Linearantrieben. Sehen Sie Kollmorgen eher als Antriebsgeneralist oder als Antriebsspezialist?
J. Treede: Die Breite des Antriebsportfolios ist durchaus eine unserer Stärken. Unsere Katalogprodukte sind auf die gängigen Anforderungen in speziellen Branchen abgestimmt und decken die Standardanforderungen ab. In erster Linie fokussieren wir uns auf die Branchen Medizin, Verpackungs- und Veredelungsindustrie, Materialbearbeitung, Lebensmittel und Getränke sowie Robotik. Deshalb sehe ich uns eher als Antriebsspezialist, vor allem durch unsere große Stärke, die Customization.

Was ist darunter zu verstehen?
J. Treede: Unser größtes Plus ist die steuerungsunabhängige und in allen gängigen Größen mögliche auf die Bedürfnisse des Anwenders zugeschnittene Lieferung. Wir sind die Einzigen, die in dieser Größenordnung kundenspezifische Lösungen schon ab wenigen 100 Stück anbieten können. Obwohl wir auch Antriebstechnik verkaufen, sind wir herstellerunabhängig und können in Absprache mit dem Kunden alle gängigen Feedback- und Kabelsysteme sowie Konfigurationen anbieten. Andere Hersteller bieten weniger Varianten an und konzentrieren sich damit eher auf spezielle Anwendungsgebiete.

Wie weit geht ihre kundenspezifische Fertigung?
J. Treede: Neben den Motoren liefern wir auch bei den Umrichtern kundenspezifische Lösungen – beschränken uns aber auf bereits zertifizierte Produkte. Die Varianz liegt dann in der Software bzw. spezieller Firmware, die von unseren Spezialisten vor Ort in Ratingen geschrieben wird.

Auf Ihrer Homepage stellen Sie den Servicegedanken unter den Schlagworten „co-engineering“ sowie „motion control expertise“ in den Vordergrund. Wie weit reicht Ihre Unterstützung?
J. Treede: Co-engineering ist unser Schlagwort für customization, also die gemeinsam mit dem Kunden entwickelte Expertise für den jeweiligen Antriebsstrang (Antrieb-Kabel-Motor-Getriebe). Die Entwicklung und Auslegung erfolgt also in einer partnerschaftlichen Kooperation. Dabei bringen unsere Mitarbeiter ihre jahrelange Erfahrung in den unterschiedlichsten Branchen ein und sprechen dementsprechend die Sprache der Kunden.
Dabei muss man natürlich auch das Gesamtsystem betrachten und auslegen. Unter dem Stichwort „motion control expertise“ helfen wir beispielsweise auch bei der Erstellung der Anforderungsliste. Der technische Hintergrund ist natürlich, dass wir unsere eigenen Produkte am besten bewerten können und über deren spezielle Eigenschaften bestens Bescheid wissen. Damit können wir unseren Kunden im Grunde jedes Antriebsproblem lösen.
Wie weit unsere Unterstützung geht, ist dabei von Land zu Land verschieden. Während wir zum Beispiel in der Türkei fast ausschließlich Komplettlösungen, sogenannte turnkey-Projekte verkaufen, wird von unseren Kunden in Deutschland eher die optimale Einzelkomponente gesucht. Daher ist der deutsche Markt auch sehr anwendungsspezifisch und beratungsintensiv. In den USA läuft der Großteil des Geschäfts sowie der Beratung wiederum über Händler und Distributoren.

Zusätzlich bieten Sie online Softwaretools an. Was steckt dahinter?
J. Treede: Wir wollen unsere Kunden halt auf allen möglichen Wegen unterstützen. Beispielsweise ist „motioneering“ ein Auslegungstool für den gesamten Antriebsstrang, bei dem verschiedenste Komponenten abgestimmt aufeinander ausgelegt werden können. Das geht bis hin zur Energieeffizienzbetrachtung. Der Produktkonfigurator ist im Grunde ein Tool zur Selbstbedienung, das fast schon einer Erstberatung oder Produktvorstellung gleichkommt. Der Kunde kann sich dabei seinen Antrieb und Motor aus verschiedenen Modulen zusammenstellen und ordern. Viele Mittelständler nutzen dieses Tool, fragen dann aber oft noch Einzelheiten nach.

Wie geht Kollmorgen das Thema Energieeffizienz an, auch unter Berücksichtigung der DIN EN 50598?
J. Treede: Bereits seit einigen Jahren bieten wir Möglichkeiten zur Effizienzbetrachtung an. Mit der neuen Norm für den gesamten Antriebsstrang geht die Betrachtung natürlich wesentlich weiter. So werden wir die IES-Klassen der Motoren und Antriebe in unsere Auslegungstools integrieren. Dabei ist „motioneering“ besonders effizient. Es berücksichtigt sowohl bremsende als auch beschleunigende Motoren. Zudem ist bereits eine Multiachs-Betrachtung integriert. Diese soll in einem nächsten Entwicklungsschritt noch weiter ausgebaut werden. Das entsprechende Tool des ZVEI betrachtet als Sammeldatenbank hingegen immer nur einen Strang und keine unterschiedlichen Bewegungsabläufe.
Bei reinen Motion-Maschinen sind die Optimierungspotenziale jedoch eher gering – vor allem, was den Energieverbrauch betrifft. Mindestens genauso wichtig sind andere Aspekte wie Lebensdauer und Temperaturverhalten. Diese liefern oftmals eher Aufschluss über die langfristige Rentabilität des Gesamtsystems.

Wie stehen Sie dem Trend nach integrierten Antrieben, also der Kombination aus Frequenzumrichter, Motor, Kupplung und Getriebe, gegenüber?
J. Treede: Wir nehmen diesen Trend wahr, haben uns aber der dezentralen Antriebstechnik verschrieben. Diese bietet dem Anwender eine Vielzahl an Vorteilen. Er ist nicht nur flexibler bei der Positionierung und Auslegung der Motoren und Antriebe, sondern muss bei einem Defekt auch nur eine Komponente wechseln. Durch unsere langjährige Expertise sind wir inzwischen Vorreiter bei der dezentralen Antriebstechnik. Unsere Antriebe sind nicht nur besonders kompakt sondern auch für alle Motorentypen geeignet. Außerdem erschließen wir unseren Kunden mit unseren Einkabellösungen zusätzliches Einsparpotential bei der Verkabelung und der Montage. Durch unsere offenen, flexiblen Antriebslösungen, bekommt der Kunde für seinen Anwendungsfall in jedem Fall die bestmögliche Lösung. Wir sind bisher sehr erfolgreich mit der dezentralen Variante und wollen diese weiter ausbauen.

Was ist denn als Nächstes geplant?
J. Treede: Auf der SPS/IPC/Drives stellen wir die nächste Leistungsstufe bei den dezentralen Antrieben mit 12 A Nennstrom vor. Auf der Messe werden wir zudem das Konzept für die nächste Generation der Kollmorgen Servoregler AKD2G und Motor AKM2G präsentieren. Außerdem ­arbeiten wir kontinuierlich an größeren Einspeisungen. Weitere geplante Entwicklungsschritte unter den Schlagworten „höhere Energiedichte“, „andere Wicklungskonzepte“ und „modularer, flexiblerer Aufbau“ sind der schaltschrankgebundene Antrieb sowie „safety-on-board“.

Kollmorgen ist für Einkabellösungen bekannt. Was ist daran so besonders?
J. Treede: Kollmorgen hat die Einkabel-Anschlusstechnik von Servomotoren erstmalig vor zwölf Jahren auf den Markt gebracht. Inzwischen bieten wir sie als Standard für die Synchron-Servomotoren der AKM-Reihe an. Im Rahmen der Total Costs of Ownership bringt diese Lösung für den Kunden Einsparungen vom ersten Meter an zwischen Motor und Servoregler. Die Distanz ist im Vergleich zu anderen Branchenlösungen deshalb kürzer, weil Kollmorgen er ermöglicht statt kostspieliger Rückführsysteme weiterhin Resolver einzusetzen. Die preiswerte wie robuste Technik wird dabei durch das vor rund zwölf Jahren entwickelte „Smart Feedback Device“ zum digitalen Rückführsystem mit 24 Bit Auflösung am Motor und Regler. Die wesentliche Aufgabe des digitalen Resolver (SFD Interface) besteht darin, die analoge Geberinformation intern in ein störfestes, rein digitales RS485-Signal umzuwandeln.
Mit der Umwandlung von Analog auf Digital macht Kollmorgen den Weg frei, die Motoren im Automatisierungsverbund zum Beispiel adressieren zu können. Das hauseigene SFD verfügt darüber hinaus über ein EEPROM, das alle relevanten Motordaten als elektronisches Typenschild gespeichert hat. Diese Ausstattung erlaubt reglerseitig das automatische Setup und sowie die Typenschilderkennung mit allen spezifischen Motorparameter im Regler. Anwender profitieren in der Praxis durch kürzere Inbetriebnahmezeiten und einem insgesamt komfortableren und fehlerfreien Engineering, das normalerweise mit einem klassischen Resolver nicht zur Verfügung steht. Neben dem SFD-Interface haben wir aber natürlich auch Hiperface DSL im Angebot.

Neben der Antriebstechnik bieten Sie auch Steuerungen, IO, HMI und Sicherheitstechnik an. Welchen Fokus haben Sie in diesen Bereichen?
J. Treede: Mit unserem breiten Produktportfolio können wir vor allem bei kleineren und mittleren OEM punkten. Diese haben nicht nur Bedarf nach Steuerungen mit entsprechender Software, sondern profitieren auch von unserer Applikationsunterstützung. Solche Turnkey-Projekte sind für uns ein wesentliches Differenzierungsmerkmal und unser größter Wachstumsmarkt.
Produkttechnisch denken wir über grafische Programmiertools nach. Zudem arbeiten wir an der Integration von Safety-over-Ethernet in Schaltschrank-Antrieben. Hier haben wir einen wachsenden Bedarf – speziell in Deutschland – festgestellt. Kein Wunder, ist doch der deutsche Maschinenbau führend hinsichtlich der Sicherheitsanforderungen. Gerade hier, wird sich in naher Zukunft im Bereich der Maschinenabsicherung, der Annäherungsüberwachung und der Mensch-Roboter-Kollaboration einiges tun.


100 Jahre Kollmorgen

Die ersten Wicklungen wurden bei Inland Motors in Kellern, ­Garagen und sogar in den ­Küchen von Privathäusern ­gewickelt

Die ersten Wicklungen wurden bei Inland Motors in Kellern, ­Garagen und sogar in den ­Küchen von Privathäusern ­gewickelt

Dan St. Martin, Präsident von Kollmorgen

Dan St. Martin, Präsident von Kollmorgen

Erfindungen patentieren und gründete schließlich 1916 in New York die Kollmorgen Optical Corp. Systeme und Gesamtlösungen bestimmten seinerzeit die Unternehmensentwicklung – was sich unter anderem wiederspiegelte in der Fusion mit anderen Visionären ihrer Zeit. Hierzu zählen vor allem Norman Macbeth als Präsident von Macbeth Daylighting Company, Hugo Unruh als Gründer von Inland Motor sowie Robert Swiggett, Leiterplattenerfinder des Unternehmens Photocircuits. Kollmorgen entwickelte sich sukzessive zum Hersteller von Servoantriebstechnik und Motion Control. Das von Dr. Friedrich Kollmorgen gegründete Unternehmen gilt unter anderem als Pionier bei der Entwicklung von Motoren mit Permanentmagneten. Kollmorgen rüstete zum Beispiel den Mars Rover und die ISS aus – ebenfalls den Roboter, mit dem Dr. Robert Ballard 1986 spektakuläre Bilder von der Titanic lieferte.
Heute zählt Kollmorgen unter dem Dach von Fortive – weltweit 1 500 Mitarbeiter. Der europä­ische Markt wird von Ratingen aus betreut. „Es ist wirklich eine Ehre und ein Privileg für ein Unternehmen zu arbeiten, das 100 Jahre alt ist. Nur sehr wenige Organisationen sind in der Lage, über ein Jahrhundert hinweg innovative Lösungen zu entwickeln“, betont Kollmorgen Präsident Dan St. Martin. „Unser Erfolg beruht auf dem Engagement aller Mitarbeiter, die sich täglich aufs Neue und in jeder Ecke der Welt für richtungsweisende Innovationen einsetzen.“


Die nächste etz@Tour steht an. Am 13.9. fahren wir in den am dichtesten besiedelte Kreis Deutschlands. Es geht nach Ratingen im Kreis Mettmann zu Kollmorgen. Der Spezialist für maßgeschneiderte Antriebstechnik feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen.

Kurze Kaffepause auf dem Weg zu Kollmorgen in Ratingen

Kurze Kaffepause auf dem Weg zu Kollmorgen in Ratingen

Da sind wir auch schon

Da sind wir auch schon

Kollmorgen-Geschäftsführer Jan Treede (rechts) begrüßt etz-Redakteur Frank Nolte

Kollmorgen-Geschäftsführer Jan Treede (rechts) begrüßt etz-Redakteur Frank Nolte

etz-Redakteur Frank Nolte (links) im Gespräch mit Kollmorgen-Geschäftsführer Jan Treede

etz-Redakteur Frank Nolte (links) im Gespräch mit Kollmorgen-Geschäftsführer Jan Treede

Kollmorgen war Pionier bei der Einkabel-Anschlusstechnik von Servomotoren

Kollmorgen war Pionier bei der Einkabel-Anschlusstechnik von Servomotoren