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Neue Absatzwege für dezentral erzeugten Strom

Bild 1. Die Stadtwerke Konstanz realisieren gemeinsam mit der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Wobak Mieterstrommodelle in vier Neubaugebieten mit insgesamt rund 170 Wohn- und Gewerbeeinheiten (Bild: Theben)

Bild 1. Die Stadtwerke Konstanz realisieren gemeinsam mit der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Wobak Mieterstrommodelle in vier Neubaugebieten mit insgesamt rund 170 Wohn- und Gewerbeeinheiten (Bild: Theben)

Bild 3. In Neubauten der städtischen Wohnungsbaugesellschaft wurden die ersten intelligenten Messsysteme installiert (Bild: Theben)

Bild 3. In Neubauten der städtischen Wohnungsbaugesellschaft wurden die ersten intelligenten Messsysteme installiert (Bild: Theben)

Bild 4. Submetering: Über das Gateway können Gas-, Wasser- und Wärmemengenzähler sowie spezifische Auslese- und Steuerungsmodule eingebunden werden (Bild: Theben)

Bild 4. Submetering: Über das Gateway können Gas-, Wasser- und Wärmemengenzähler sowie spezifische Auslese- und Steuerungsmodule eingebunden werden (Bild: Theben)

Regenerativ und dezentral erzeugte Energien stehen auf den Märkten unter wachsendem Preisdruck. Mit neuen Vertriebsstrategien, wie Mieterstrommodellen, rechnen sie sich aber weiterhin – sowohl für die Investoren als auch für die Abnehmer. Die Stadtwerke Konstanz haben 2016 vier vollständig EnWG-konforme und weitgehend automatisierte Mieterstromprojekte in zwölf Mehrfamilienhäusern auf Basis intelligenter Messsysteme erfolgreich umgesetzt. Die Gateways liefert die Firma Theben, als Messdienstleister wurde das Saarbrücker Unternehmen „co.met“ beauftragt.
Stadtwerke stehen vor neuen und scheinbar ganz unterschiedlichen Aufgaben: Auf der einen Seite sollen die Abnehmer durch die Visualisierung von Zählerstandsgängen einen detaillierten Einblick in ihr Verbrauchsverhalten bekommen. Auf der anderen Seite steht der Kundenwunsch nach grünem Strom. Dieser kommt nicht nur von den Endverbrauchern. Manche Städte haben „ihre“ Stadtwerke bereits verpflichtet, komplett auf Ökostrom umzusteigen.
Diese beiden Aufgaben haben eine Gemeinsamkeit: Sie benötigen intelligente Messsysteme. In Konstanz gab die Entwicklung eines Mieterstrommodells den Anstoß für die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Smart Metering (Bild 1). „Mieterstrommodelle sind in bestimmten Fällen eine relativ clevere Antwort auf die sinkenden Börsenpreise und Einspeisevergütungen für dezentral erzeugten Strom“, sagt Gordon Appel, Leiter Produktmanagement der Stadtwerke Konstanz. Denn Strom, der dezentral erzeugt und verbraucht wird, ohne durch das öffentliche Netz zu fließen, hat seine Vorteile: Es entfallen bestimmte Abgaben, die Netznutzungsentgelte sowie einige Umlagen und die Stromsteuer. Das macht den Strom deutlich günstiger – bei KWK-Anlagen sinkt der Preis pro kWh in vielen Netzgebieten erheblich. Davon kann auch der Endkunde profitieren, der nur noch den zusätzlich benötigten Reststrom zum vollen Preis abnimmt, aber auch der Anlagenbetreiber oder Contractor, der so mit seiner Erzeugungsanlage bessere Erlöse erzielen kann. G. Appel ist überzeugt: „Auch für den Vertrieb im Stadtwerk ist der Mieterstrom ein wirklich attraktives Produkt, mit dem sich Kunden gewinnen und binden lassen.“
Für das Geschäftsmodell bieten sich Mehrfamilienhäuser oder Quartiere mit eigenen Blockheizkraftwerken und/oder PV-Anlagen an. Dementsprechend entschloss man sich 2016 bei den Stadtwerken Konstanz gemeinsam mit der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Wobak in vier Neubaugebieten mit insgesamt rund 170 Wohn- und Gewerbeeinheiten Mieterstrommodelle zu realisieren. Mit einer Ausnahme (nur PV) werden in den Objekten KWK- und PV-Anlagen kombiniert. In 2017 werden weitere Projekte folgen.
Transparenz ist Pflicht
Die Ansprüche im Produktmanagement waren von Beginn an hochgesteckt: „Wir als Stadtwerk müssen eine absolut rechts- und marktkonforme Abrechnung anbieten, die zudem weitgehend automatisiert erfolgt“, führt G. Appel aus. „Jeder Mieter soll sehen, wie sich sein Verbrauch genau zusammensetzt.“ Mit Ferraris-Zählern und einem marktüblichen Abrechnungssystem ist dies nicht zu erreichen. „Die komplexe Berechnungssystematik zur Bestimmung des zeitlichen Anteils an Direkt- und Reststrom ist in unserem Kundeninformations- und Abrechnungssystem nicht abbildbar“, so G. Appel. „Darum benötigten wir einen externen Messdienstleister, der die Daten aller Zählpunkte im Arealnetz ausliest, entsprechend unserer Anforderungen verarbeitet und an unser hausinternes System zurückgibt.“
Die Infrastruktur musste eine Differenzierung nach tatsächlicher Stromnutzung, zeitlich aufgelöst in 15-min-Werte ermöglichen. Und sie musste stichtagsgenau die Verbräuche aller Nutzer bei Wechselprozessen liefern. Eine EnWG-konforme Abrechnung (Ausweis von Direkt- und Reststrom, Netzentgelten sowie Konzessionsabgaben) war ohnehin selbstverständlich.
Für diese komplexe Aufgabe wurde das Saarbrücker Unternehmen „co.met“ in die Entwicklung eingebunden. Gemeinsam fand man eine Lösung, mit der sich die kaufmännisch/bilanzielle Durchleitungsmenge der Kundenanlage, der jeweilige Anteil von Direkt- und Reststrom sowie die Einspeisung von PV- und/oder KWK-Strom berechnen lassen. Den Algorithmus lieferten die Stadtwerke selbst, „co.met“ gestaltete daraus die Abrechnungslösung.
Eine ebenso wichtige Komponente stellte jedoch die Hardware dar, denn nur mit umfassenden Informationen über die Energieflüsse kann die Software Ergebnisse liefern. Die Wahl fiel auf Smart-Meter-Gateways der Firma Theben aus Haigerloch, die Kommunikation erfolgt über ein Glasfasernetz (Bild 2). „Die Conexa von Theben ist für maximal zehn abrechnungsrelevante Zähler zugelassen, sodass wir hier in der Summe Hardwarekosten sparen”, begründet G. Appel die Entscheidung (Bild 3). Außerdem kann das Gerät auch Verbrauchsdaten anderer Sparten (Wasser, Wärme und Gas) übermitteln. „Auch daraus kann ja mittelfristig eine Dienstleistung für die Stadtwerke werden”, so der Leiter des Produktmanagements.
Erwartungen übertroffen
Endkunden können das Mieterstrommodell seit März 2016 nutzen, Anfang 2017 wurden die letzten 30 Einheiten angebunden. Die hohe Akzeptanz – im ersten Projekt beteiligen sich mittlerweile rund 80 % der privaten und gewerblichen Mieter – hat die Erwartungen der Produktentwicklung übertroffen. Dabei gilt die Kundengruppe, die in weitem Umfang aus dem sozialen Wohnungsbau stammt, als eher zurückhaltend gegenüber derartig innovativen Modellen. Dies erwies sich jedoch als Vorurteil, zudem die Stadtwerke in passende Kommunikationsmaßnahmen, wie zum Beispiel die Übergabe von Informationsmappen investierten.
Eine Mieterin berichtet: „Ich habe mich sofort entschieden, das Mieterstromangebot anzunehmen. Die Idee, dass ich selbst etwas zur Energiewende beitragen kann, gefiel mir auf Anhieb. Ach, und man kann irgendwann in Zukunft die Waschmaschine dann laufen lassen, wenn gerade viel eigener Strom anfällt und es besonders günstig ist? Toll!“ Wie zur Bestätigung, erhielt eines der Projekte vom Bundesverband Kraft-Wärme-Kopplung sogar die Auszeichnung „BHKW des Jahres 2016“ und das entwickelte Gesamtmodell zu Beginn des Jahres 2017 einen der begehrten VKU-Innovationspreise.
Die Planung der „großen Wäsche“ soll aber nicht den Endpunkt der Entwicklung darstellen, zumal nicht jeder Verbraucher seine Wasch- oder Spülmaschine genau dann laufen lassen kann, wenn die Strompreise niedrig sind. Vielmehr will man die neue Infrastruktur bei den Konstanzer Stadtwerken nutzen, um den Stromkunden und das Netz auch ohne aktives Zutun des Verbrauchers zu entlasten. Ziel ist eine Energiemanagement-Lösung, die anhand der vom Gateway bereitgestellten Preissignale elektrische Geräte steuert und so Lastgänge voll automatisiert verschieben kann. Die Verantwortlichen haben dabei vor allem Nachtspeicherheizungen, Wärmepumpen oder Kühlgeräte im Visier. Auch eine Steuerung von Heizgeräten, Heizkörpern und Fensterkontakten über die HAN-Schnittstelle des Gateways ist denkbar. Mittelfristig könne man auch private Ladestationen für E-Fahrzeuge einbinden und das Thema Sektorenkopplung weiter voranbringen.
Einstieg in die Dienstleistung mit Submetering
Ein weiteres neues Geschäftsfeld, das sich die Stadtwerke Konstanz im Zuge des intelligenten Messwesens erschließen wollen, das sogenannte Submetering, befindet sich bereits in der Pilotphase (Bild 4). Da die Gateways von Theben mehrspartenfähig sind, lassen sich Gas, Wasser, Heizwärme und Heizkostenverteiler auslesen und diese Werte als Abrechnungsdaten für Dritte, wie etwa die Wohnungswirtschaft, bereitstellen. Damit könnten die Stadtwerke Bündelangebote gemäß Messstellenbetriebsgesetz (MsbG) schnüren und Verträge über Ablesedienstleistungen mit Anschlussnehmern für komplette Liegenschaften abschließen.
Um die technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten auszuloten, wurden daher in einer Liegenschaft mit 24 Wohnungen Gas-, Wasser- und Wärmemengenzähler sowohl im Keller als auch in den Wohnungen per Funk an das Gateway angebunden. Die Nutzenergie für die Heizanlage wird ebenfalls erfasst. Metering- und Submetering-Daten werden in das eigene Glasfasernetz eingespeist und stehen so für die Weiterverarbeitung an beliebiger Stelle zur Verfügung. Dies kann ganz neue Märkte für die Stadtwerke eröffnen.
Jetzt, im unmittelbaren Vorfeld des Smart Meter-Rollouts sieht man sich bei den Stadtwerken Konstanz gut aufgestellt: „Das Konzept für künftige Mehrwertdienste steht zu großen Teilen, die Mieterstromlösung ist bereits praxistauglich“, sagt der Leiter Produktmanagement. Sein Fazit: „Die Kür jedenfalls haben wir gemeinsam mit unseren Partnern erfolgreich absolviert.“ (mh)

Autor: Ruwen Konzelmann ist als Head of BU Smart Energy für die Theben AG in Haigerloch tätig. info@theben.de

Autor: Ruwen Konzelmann ist als Head of BU Smart Energy für die Theben AG in Haigerloch tätig. info@theben.de